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Vorbilder treffen Jugendliche, 17.06.2013

“Vorbilder treffen Jugendliche” – Schweinfurt – 17.06.2013


Sehr geehrter Herr Yavuz,
Sehr geehrter Herr Cesur,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Gäste,

Zunächst möchte ich mich bei der Gemeinde DITIB Schweinfurt für die Organisation dieser Veranstaltung mit dem für die türkische Community in Deutschland so wichtigen Thema der Bildung ganz herzlich bedanken.
Als Generalkonsulat zählen wir den zukunftsträchtigen Bereich „Bildung“ zu den wichtigsten Arbeitsgebieten unserer Tätigkeit und unterstützen jeden Einsatz und jedes Projekt, soweit es uns möglich ist.

Wenn es um die Bildung der türkischstämmigen Migranten geht, meine Damen und Herren, werden in der Öffentlichkeit überwiegend Stimmen laut wie
„Türkische Migranten haben den höchsten Nachholbedarf“,
„Türken sind mit Abstand am schlechtesten integriert“,
„Türken sind die Sorgenkinder der Integration“ oder
„30% der Türken in Deutschland haben keinen Schulabschluss“.

Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Die Situation der türkischen Migranten in Deutschland bedarf nämlich einer differenzierten Sichtweise.
Wenn man den Zuzug der Türken nach Deutschland in Wellen betrachtet, kommt man zu folgendem Ergebnis:

Zwischen 1960 und 1980 dominierte der Zuzug der Gastarbeiter und ihrer Familienangehörigen aus der Türkei. Sie kamen meist aus bildungsfernen Gebieten und hatten keinen Schul- oder Berufsabschluss.
Die politische Situation in der Türkei bewirkte in den 80’er Jahren eine neue Einwanderungswelle nach Deutschland. Während die bisherige Zuwanderung aus einer Arbeitergesellschaft bestand, kamen in der 80’er Jahren nicht selten Angehörige der intellektuellen Schicht.
Seit den 90’er Jahren ist das Migrationsgeschehen aus der Türkei insbesondere von Asylantragstellern und durch Zuwanderung im Rahmen des Ehegatten- und Familiennachzugs gekennzeichnet. Dieser Zuzug bildet jedoch eine neue, bildungsferne und unqualifizierte Gruppe unter den Türkischstämmigen in Deutschland.
Bei den in Deutschland lebenden Migranten mit türkischem Migrationshintergrund handelt es sich also um eine sehr heterogene Gruppe.

Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Türkischstämmigen in Deutschland rund 25 Jahre beträgt, sind die bildungsfernen Arbeitsmigranten längst nicht mehr in der Überzahl. Ihre Kinder wiederum, größtenteils in Deutschland geboren, sind als Erfolgsbeispiele, darauf werde ich später näher eingehen, in der Gesellschaft bereits angekommen. Die eigentlichen Sorgenkinder der Integration unter den türkischstämmigen Migranten bilden meiner Meinung nach diejenigen, die im Rahmen des Familiennachzug oder eines Asylverfahrens ab den 90’er Jahren zugezogen sind. Es ist jedoch nicht richtig, die Probleme dieser kleinen Gruppe auf die Mehrheit abzubilden.

Um eine Aussage über die Bildung von Kindern mit türkischem Migrationshintergrund zu machen, ist es wichtig, eben diese Differenzierungen zu beachten.
Die Familien sind aus unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zeiten nach Deutschland zugewandert.
Die Mehrheit der jungen Türken ist in Deutschland geboren, viele haben Deutsch bereits im Kindesalter gelernt und ein großer Teil besitzt auch die deutsche Staatsangehörigkeit.
Andere leben dagegen erst seit kurzer Zeit hier, sind als Quereinsteiger mit zunächst geringen deutschen Sprachkenntnissen ins deutsche Schulsystem gekommen und haben zum Teil auch keinen sicheren Aufenthaltsstatus.

Dennoch schneiden Migrantenkinder in der Schule viel ungünstiger ab, obwohl die meisten Familien mit einer Zuwanderungsgeschichte schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Junge Migranten haben auf dem Weg in die Berufsausbildung viel schlechtere Ausgangsbedingungen. Hierzu werden verschiedene Erklärungsversuche herangezogen, angefangen von den mangelnden Deutschkenntnissen, der mangelnden Förderkultur des deutschen Schulsystems bis hin zum sozioökonomischen Status der Eltern.

In seiner Studie zur Wechselwirkung zwischen Diskriminierung und Integration untersucht Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung zudem auch die Auswirkungen von Diskriminierungserfahrungen auf den Schul- und Berufserfolg.
Ich möchte hier ein langes, aber wichtiges Zitat wiedergeben:


Uslucan zufolge „nimmt die Identifikation mit den Bildungszielen ab, wenn die Identität in der Schule durch negative Vorurteile bedroht wird. Es verschiebt sich der Bereich, aus dem Menschen ihr Selbstbewusstsein ziehen. Um den Selbstwert zu schützen, entwickeln Betroffene ein neues Selbstverständnis, das immun gegen Stigmatisierung aufgrund negativer schulischer Leistungen ist. Die Bewertung im schulischen Bereich verliert ihre Bedeutung für den Selbstwert und die Identität. Die geringere Identifikation mit schulrelevanten Bereichen ist somit eine Reaktion auf den Druck, der durch die Bedrohung durch Stereotype entsteht. Sie hat die Funktion, den Selbstwert aufrechtzuerhalten und zu schützen. Ein Beispiel: Wird ein türkischstämmiger Junge immer wieder mit den Stereotypen „seiner Kultur“ als „machohaft“, „aggressiv“, „autoritär“ etc. konfrontiert, kann es dazu kommen, dass für ihn nicht sein Leistungsverhalten, sondern die Bemühung um zuverlässige Freunde und eine sichere Gruppe in der Schule Vorrang hat, um eine Ich-Stabilität zu bewirken. Was folgt daraus? Die Bedrohung durch Stereotype wirkt sich zunächst auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit aus. Langfristig kann sie jedoch auch die erfolgreiche Bildungsteilhabe verhindern.“

Laut Prof. Uslucan hat die Diskriminierung diese Auswirkungen auch auf die Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration.

Meine Damen und Herren,
es ist wichtig, die eingangs bereits erwähnten jungen Erfolgsmodelle aus der türkischen Community hervorzuheben und vorzustellen.
Mit der Absicht, Nachfolgegenerationen die Erfolgsbeispiele aus unserer Region vorzustellen, haben wir vor einigen Jahren eine Broschüre ausgearbeitet. In dieser Broschüre berichten junge erfolgreiche Menschen über die vielen Weichen, die ihnen während ihrer Laufbahn gestellt wurden und wie sie sie überwunden haben. Es sind Juristen, Mediziner, Ingenieure, Journalisten, Designer, Sportler oder ähnliche Akademiker unter ihnen, aber auch Politiker, die es nach einem Hauptschulabschluss bis in das EU-Parlament in Brüssel geschafft haben.

Diese jungen Menschen vertreten eine neue Identität, die eine Synthese der türkischen und der deutschen Identität darstellt. Das Hauptmerkmal dieser neuen Identität ist das Beherrschen beider Sprachen und Kulturen sowie der Zugang zu zwei Kulturen, aus denen sie das Beste mitnehmen. Sie sind die Zukunft Deutschlands. Sie zu unterstützen, wird also die beste Investition in die Zukunft sein.
Die Notwendigkeit von qualifizierten Fachkräften hat die Wirtschaft längst erkannt. Weltweit herrscht ein Wettkampf um kluge Köpfe auf dem Arbeitsmarkt. Denn nicht nur Deutschland stehen Unternehmen vor der großen Herausforderung, ihren Bedarf an Fachkräften zu decken. Der Auslöser für diese Entwicklung kann wie in Deutschland ein Fachkräftemangel aufgrund des demografischen Wandels aber auch ganz einfach ein Streben nach Fachkräftesicherung sein.

Hier möchte ich gerne einige Zeilen aus dem Buch „Die Aufsteigerrepublik“, von Nordrhein Westfalens früherem Integrationsminister Herrn Armin Laschet zitieren:
“Wir leben heute und zukünftig in einer Republik des ‚älter-bunter-weniger’ und müssen diesem demographischen Wandel Rechnung tragen. Eine durchgreifende Mentalitätsänderung bei den Einzelnen, in der politischen und gesellschaftlichen Kultur und bei den strukturellen Aufstiegsmöglichkeiten, bei den Unterstützungsstrukturen ist erforderlich.“.

Herr Laschet hat mit diesen Worten eine Zukunftsvision formuliert, die den Bereich Bildung und Arbeit ebenso berücksichtigt, wie den demographischen Wandel.
In Zeiten dieses Fachkräftemangels ist es von großer Bedeutung, junge Migranten als Erwerbspotenziale, die unzureichend genutzt werden, zu entdecken.

Ich bin dazu der Meinung, dass man bei dem Thema Bildung auf beide Seiten der Medaille gleichermaßen eingehen sollte.

Dass Eltern sich stärker um die Bildung ihrer Kinder kümmern und das Bildungssystem besser verstehen müssen, bildet die eine Seite der Medaille. Das hiesige Bildungssystem verlangt von den Eltern eine Zielsetzung für ihre Kinder und für sich selber, damit sie besser von dem System profitieren und ihre Kinder in der Bildung besser unterstützen können. Solange Eltern dieser Anforderung nicht gewachsen sind, sind unsere Kinder die Verlierer.
Dass das Bildungssystem so ausgelegt werden muss, dass auch sozial benachteiligten Kindern mehr Chancengleichheit geboten ist, bildet die andere Seite der Medaille. Bei internationalen Studien wie PISA, stellt sich Deutschland tatsächlich als das Land heraus, in dem die Abhängigkeit des Bildungsstands vom Sozialstatus am höchsten ist.

Dazu wäre, denke ich, ein Zitat aus einer Publikation vom BAMF angebracht. Ich zitiere:
„Während drei Monate nach dem Schulabschluss 50 % der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bereits einen Ausbildungsplatz gefunden hatten, gelang dies den Jugendlichen mit Migrationshintergrund in vergleichbarem Ausmaß erst nach 17 Monaten.“
Weiter heißt es dort:
„Die Chancenungleichheit (bleibt) selbst dann bestehen, wenn sich Ausbildungsplatzbewerber mit und ohne Migrationshintergrund hinsichtlich ihrer Schulabschlüsse und Schulnoten nicht unterscheiden.“

Chancengleichheit und die Chancenförderung vor allem im Bildungswesen ist mit anderen Worten ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Beitrag zur Integration.

Wir sollten nicht vergessen, dass es in jedem sozialen Umfeld sehr intelligente Kinder gibt und Kinder mit Migrationshintergrund einen beachtlichen und nicht zu übersehenden Anteil in ihrer Altersgruppe in der Gesamtbevölkerung haben.
Von diesen jungen Menschen kann Deutschland profitieren, auch wenn sie sozial schwächer gestellt sind. Denn diese jungen Menschen von heute sind die Träger und Gestalter der Zukunft.


Vielen Dank